Sicherheit und Gerechtigkeit

März 2015: Wissenschaftler durchschritten unser Quartier. Vorneweg das Team vom Vier Zwo Zwo. Wonach wurde geforscht?Tokiko_0053
Im Fokus der Begehung stand ein ungewöhnlicher Aspekt: Es ging um die „gerechte Verteilung von Sicherheit in der Stadt“.

Die Wissenschaftler waren Mitarbeiter eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekts, das den schönen Titel VERSS – Aspekte einer gerechten Verteilung von Sicherheit in der Stadt trägt. Hier kooperieren die Universität Tübingen, die Bergische Universität, die TU Berlin mit der Stadt Wuppertal, der Stadt Stuttgart, dem Deutsch-Europäischen Forum für Urbane Sicherheit (DEFUS)und dem Deutschen Präventionstag (DPT).
Das große Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es, praxisnahe Leitlinien für das konkrete Sicherheitshandeln in den am Projekt beteiligten Städten zu erarbeiten. Neben Wuppertal ist Stuttgart Gegenstand von Erhebungen, Analysen und Erarbeitung von Handlungsvorschlägen. Man beschäftigt sich also mit den Fragen, „welche Sicherheit bereits an welchen Plätzen vorhanden ist, wie gerecht diese Verteilung ist und welche Verbesserungen möglich sind.“

Oberbarmen / Wichlinghausen und Ronsdorf

Zu diesem Zwecke wurden in beiden Städten jeweils ein Quartier mit besserer und eines mit schlechterer Sozialstatistik ausgewählt (Anteil der Bewohner mit Bezug von Transferleistungen, Arbeitslosenquote, Kriminalitätsrate etc.). In Wuppertal werden Ronsdorf als Stadtteil mit recht guter Sozialstatistik und eben Wichlinghausen / Oberbarmen miteinander verglichen.
Mit dieser Auswahl ist durchaus keine Herabsetzung von Wichlinghausen / Oberbarmen verbunden. Da unser Quartier am Städtebauförderungsprogramm Soziale Stadt teilnimmt, das für „städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligte und strukturschwache Stadt- und Ortsteile“ aufgelegt wird, liegt dieser Stadtteilvergleich nah. Und letztlich kann die Studie für unseren Bezirk positive Ergebnisse zeitigen, wenn entwickelte Leitlinien hier tatsächlich umgesetzt werden.

Warum sind Sicherheit und Sicherheitsempfinden nicht überall gleich?

Denn tatsächlich sind Sicherheit und Unsicherheit sind nicht gleichmäßig und nicht für jeden gleich verteilt. Finanzielle und personelle Ressourcen abhängig von räumlichen Gegebenheiten, individuellen Einstellungen und politischen Entscheidungen sind womöglich schon von Straße zu Straße unterschiedlich. Mit VERSS werden diese und andere „Bedingungen der Verteilung von Sicherheit insbesondere in Hinblick auf öffentliche und private Maßnahmen der Kriminalprävention“ untersucht.

Konkrete Orte im Quartier als Forschungsobjekte

Die Wissenschaftler konstatieren, dass insbesondere durch die Maßnahmen der Sozialen Stadt in Oberbarmen/Wichlinghausen eine „Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements“ stattgefunden hat. Die „Nachbarschaft ist gut, ruhiges Klima, sauber bis auf die Hauptstraßen, die eine starke Verschmutzung aufweisen“, erklärt Jan Starcke, der mit Dr. Tim Lukas Projektleiter auf Wuppertaler Seite ist. „Problematisch stellt sich der Wohnungsleerstand dar“, ergänzt er.

Unterschiedliches Nutzungsverhalten provoziert Konflikte

Vor allem Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum interessieren die Forscher. Orte, an denen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Nutzungsverhalten aufeinandertreffen, wirken wie ein Katalysator für negative Entwicklungen (gereizte Nachbarschaft, Streit- und Aggressionspotenzial, Kriminalitätsaufkommen usw.). Einfaches Beispiel ist ein Spielplatz, an dem Eltern mit ihren Kleinkindern auf Menschen treffen, die dort öffentlich Alkohol konsumieren. Konkret wurden u.a. der Spielplatz Clarenbachstraße, der Klaus-Brauda-Park, das Bergische Plateau bis zur Parkouranlage, der Giesenberg, der Friedhof Sternstraße, der Wupperfelder Markt und der Berliner Platz unter die Lupe genommen.
Wie anderswo auch, gibt es sehr vielfältige Konfliktszenarien. Es gibt sehr unterschiedliches Nutzungsverhalten der vielen Bevölkerungsgruppen, Interessen von Händlern und Dienstleistern, von Anwohnern, Neubürgern und Immobilieneigentümern, von Jungen und Alten, bisweilen auch Angsträume für Frauen und Senioren und vieles mehr. All das wird nun en Detail mit Blick auf Wechselwirkungen untersucht.

Ambitionierte Studie mit Chancen für unseren Stadtteil

Ein sehr anspruchsvolles Thema, mit dem die Wissenschaftler noch einige Zeit beschäftigt sein werden. Allein die Überlegung, wie Sicherheit und Freiheit in einer sinnvollen und lebenswerten Balance gehalten werden können, zeigt, wie komplex diese Arbeit ist. Wenn am Ende die Studie dazu führt, dass die Forschungsfrage „Wie ist eine gerechte Verteilung von Sicherheit in der Stadt sinnvoll möglich“ praxisnah beantwortet werden kann, dann bekommen wir in Oberbarmen und Wichlinghausen womöglich die Chance, unseren Stadtteil auch in dieser Hinsicht aufzuwerten. Einen wichtige Rolle wird dabei spielen, wie die Wichlinghauser und Oberbarmer Bürger sich an der „Produktion von Sicherheit“ beteiligen können und wollen. Aber seit dem Start der Sozialen Stadt weiß man: Im bürgerschaftlichen Engagement weist unser Quartier eine äußerst positive Statistik auf.

(Foto: Tokiko – „Sieben Schönheiten der Wichlinghauser Straße“)

Nachtrag:
Da das Thema für eine erschöpfende Darlegung auf dieser Seite zu komplex ist, bieten wir für Interessierte weiterführende Links:

Seite des Instituts für Sicherungssysteme der Bergischen Universität
Kurzbeschreibung VERSS Wuppertal
Infoblatt
Bundesministerium
VERSS Tübingen – Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Forschungsschwerpunkt Sicherheitsethik